Gastvortrag vom 3. Juli 2009
zur Eröffnung der Einzelausstellung „MicroSonical Shining Biospheres No.1“
ZKM_subRaum 04.07.2009 – 10.01.2010
(Auszug)
[Paul Klee: „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.“]
„…Ich weiß, dass Sabine Schäfer und Joachim Krebs sich gern auf Paul Klees
Aussage beziehen, die Kunst reproduziere keineswegs das Sichtbare, sie mache
vielmehr die Dinge überhaupt erst sichtbar – ein Konzept, das sich leicht auch auf
die Wissenschaft übertragen lässt.
Und so leistet ihre Vorgehensweise, die Raum-Sono-Mikroskopie, uns einen
wertvollen Dienst, indem sie das hörbar macht, was zuvor unhörbar, aber schon
vorhanden war, in einem Prozess, auf den sie den Deleuzeschen Terminus der
Molekularisierung anwenden: Dem Versuch, tiefer einzudringen und die Elemente,
die Grundelemente des Klangs zutage zu fördern, den Klang zu desubjektivieren,
gleichzeitig aber keine allgemeingültige Abstraktion und keine Theorie aufzustellen,
denn, so sagen sie, die konkrete Inhaltsmaterie löst sich mehr und mehr auf und
verwandelt sich in abstrakte Ausdrucksmaterie.
Doch dieser Prozess kommt nicht zum Abschluss, und so ist es der Vorstellungskraft
jedes einzelnen Hörers freigestellt, sich jenseits von Inhalt und Bedeutung und im
konstanten Wechselspiel von reiner Natürlichkeit und vollkommener Abstraktion
seinen eigenen audio-inspirierten Fantasiebildern hinzugeben.
Und ich denke, dass dies ein wunderbares Beispiel ist, eine Möglichkeit aufzeigt für
eine Richtung, die auch die Neurowissenschaft einschlagen könnte – das
präsentierte Material sollte vielleicht nicht statisch als reine Datensammlung oder als
übergeordnete Theorie aufbereitet werden, sondern den Betrachter zwingen, sich
auf dieses Wechselspiel, diesen Dialog zwischen beidem einzulassen. ….“
Abstract zum Gastvortrag
„Beispiele und Möglichkeiten für den Austausch zwischen Kunst und Neurowissenschaft“
Während des letzten Jahrzehnts wurden Überlappungen der Neurowissenschaften und der Kunst mit dem Begriff der ‚Neuroästhetik' bezeichnet. In diesem Vortrag
wird ein kurzer Überblick über die wichtigsten Begriffe „Neurobiologie der Ästhetik“ und „Neuro- Kunst“ gegeben. Eine weitere, dritte Kategorie, die sogenannte
ästhetische Neurowissenschaft, wird vorgestellt. Allgemein ist die Neurobiologie der Ästhetik die neuronale Grundlage einer künstlerischen Erfahrung. Beispiele
hierfür sind die Theorie der ‚Spiegelneuronen', bestehend aus einer präkognitiven motorischen Antwort auf die Kunst und die Visualisierung einer ästhetischen
Beurteilung mittels funktioneller Kernspintomographie. Neuro-Kunst bedient sich der Neurowissenschaften, indem sie deren Theorien und Methoden nutzt oder auf
deren Wissen und kultureller Vorrangstellung zugreift.
Während ein Teil dieses Vortrags die Erkenntnisse der Neurowissenschaft behandelt, wird im anderen Teil eine konzeptionelle Kritik an zahlreichen Aspekten der
Neurowissenschaften formuliert. Außerdem wird auf die Erweiterung der Wahrnehmung durch das Verständnis der Gehirnfunktion eingegangen.
Der dritte Bereich der ästhetischen Neurowissenschaften greift Theorien aus der künstlerischen Praxis und die Begriffe der Subjektivität und individuellen Identität
auf und versucht künstlerische Methodologie in neurowissenschaftliche Ansätze zu integrieren.
Die Konzepte des "avoiding closure" and "presenting the unpresentable" spielen dabei eine große Rolle. Die Arbeiten von <SA/JO> stellen einen idealen
Ausgangspunkt für die Übertragung künstlerischer Ansätze in die Neurowissenschaftliche Methodik dar. Die theoretische Grundlage ihrer Arbeiten ist disziplinenübergreifend
und erweitert die Sichtweise auf die Kunst, da sie sich auch der Theorien und Methoden der Neurowissenschaften bedient haben.
Daniel S. Margulies is currently a researcher at the Berlin School of Mind and Brain and the Max Planck Institute for Human Cognitive and Brain Sciences in
Leipzig. His neuroscientific research explores the impact of spontaneous intrinsic brain activity on perception and behavior. His art works, created using
neuroimaging tools, aim to interrogate the epistemic assumptions of cognitive neuroscience and the objectification of individual experience. Having previously
studied literature and philosophy in Paris and New York, he currently lives in Berlin.
He is a member of the “Association of Neuroesthetics” www.association-of-neuroesthetics.org
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